3. Hauptspeise Funktionieren und ganz viel Ruhm
Shownotes
3. Hauptspeise aus unserer Reihe - Funktionieren und ganz viel Ruhm.
Hauptzutat: Aufgewühlte Mutter
Beilagen: Gebrochener Hotelerbe, Zerbrechliche Teenagerin und verzweifelter Komiker
ACHTUNG diese Gerichte sind für Gäste ab 16 Jahren gedacht!
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00:00:08: Herzlich willkommen bei Hörmal.
00:00:09: Wir freuen uns, euch nun den dritten Hauptgang unseres Menüs funktionieren und ganz viel rum zu präsentieren.
00:00:17: Wir wünschen guten Appetit.
00:00:33: Es war Herbst in Berlin geworden und der nach und nach kälter werdende Wind ließ die bunten Blätter durch die Luft tanzen.
00:00:40: Ob er sie dabei, dem rot-braunen Blätterklett der Bäume oder den eifrig zusammengekehrten Haufen am Boden entriss, schien für den Boden der Jahreszeit mit den kürzer währenden Wochenstunden keinerlei Unterschied zu machen.
00:01:09: Danke schön.
00:01:10: Stellen Sie ihn bitte ab und können Sie Feierabend machen.
00:01:13: Ich werde dem Wagen heute nicht mehr brauchen.
00:01:15: Sascha Heinemann stieg aus dem schwarzen SUV, nahm seinen Koffer und winkte seinem Fahrrad zum Abschied noch kurz hinterher.
00:01:23: Dann machte er sich auf und Richtung Eingang des Kronewald-Hotels.
00:01:27: Trotz der stetig sinkenden Temperaturen ließ der Hotellerbe sein Jackett weiter in seinem Koffer zu knittern und blieb nur mit einem T-Shirt begleitet vor der Tür stehen.
00:01:37: Zog eine Zigarettenschachtel aus seiner Jeans und zündete sich einer an.
00:01:46: Rauchen stand er da und blickte auf den alten Kasten von einem Hotel, der ihn schon sein ganzes Leben begleitet hatte.
00:01:53: Sein Blick huschte in Richtung der Lobby.
00:01:55: Das schien nicht viel los zu sein.
00:02:08: Gerade, als er die noch gelimmende Zigarette in den Aschenbecher neben der Eingangstür warf und sich auf den Weg nach drinnen begeben wollte, remplete ihn jemand an, wodurch er nach einem Ausfallschritt beinahe über seinen Rollkoffer gestolpert wäre.
00:02:23: Hey!
00:02:24: Das ist schmuel.
00:02:27: War das so...
00:02:31: alles gut?
00:02:34: Ja, es ist ja nichts passiert.
00:02:36: Für einen Moment blieb Wolfi wie angewurzelt stehen und starte den verdutzt reinblickenden Hotelerben an, bevor er schlagartig kehrtnöchte und sich im Laufschritt vom Hoteleingang entfernte.
00:02:48: Kurz blickte Sascha dem ehemaligen Entertainer hinterher, bevor er seinen Kofferansicht nahm und das Hotel betrat.
00:02:57: Herzlich willkommen in unserem Hause.
00:02:58: Haben Sie eine Reservierung?
00:03:00: Bisher braucht ich eigentlich keine.
00:03:04: Ist man zu mir belegt oder hatten Sie es freigehalten?
00:03:06: Frau... Wegener.
00:03:09: Herr Heinemann?
00:03:12: Tut mir leid, ich habe Sie gerade gar nicht.
00:03:14: Also wissen Sie so ohne Anzug?
00:03:18: Schon gut.
00:03:20: Also...
00:03:22: Ja, ähm... Entschuldigen Sie, ich...
00:03:25: Was meine Kollegin sagen wollte, Herr Heinemann, selbstverständlich ist Ihr Zimmer frei.
00:03:30: Aber so viel ich weiß, ist gerade das Housekeeping drin.
00:03:33: Wir wussten nicht, dass Sie bereits heute zurückkommen würden.
00:03:36: Kein Problem.
00:03:37: Ich setz mich einfach hinten auf die Terrasse am Pool, bis Sie fertig sind.
00:03:41: Natürlich, Herr Heinemann.
00:03:42: Würde Sie Ihnen etwas ausmachen, mir eine Flasche Wodka zu bringen.
00:03:46: Selbstverständlich nicht.
00:03:48: Ich bringe sie Ihnen gleich und dem Housekeeping sage... Ich schon
00:03:50: in Ordnung.
00:03:51: Ich glaube nicht, dass ich die Flasche schneller getrunken habe, als die man in Zimmersorbe haben.
00:03:55: Also können Sie Ihnen höchstens sagen, dass Sie sich Zeit lassen können.
00:04:00: Ähm, in Ordnung, Herr Heinemann.
00:04:03: Und der Wodka kommt sofort.
00:04:04: Welchen möchten Sie?
00:04:06: Also bevorzugen Sie eine bestimmte Sorte?
00:04:08: Ist mir ziemlich egal.
00:04:10: Überraschen Sie mich.
00:04:13: Äh, wo kann ich mit dem Koffer?
00:04:16: Lassen Sie ihn einfach hier stehen.
00:04:17: Wir bringen ihn dann nach
00:04:18: oben.
00:04:19: Gut.
00:04:20: Dankeschön.
00:04:25: Wow!
00:04:26: Oder?
00:04:27: Ich hab ihn auf den ersten Blick gar nicht erkannt.
00:04:29: Kein Wunder.
00:04:31: Er sieht so ungesund und, ich weiß nicht, vernachlässigt aus.
00:04:38: Meinst du, er trägt keinen Anzug mehr, weil er nicht mehr reinpasst?
00:04:41: Na ja, so viel besser sitzt die Jeans und das T-Shirt nun auch nicht.
00:04:46: Vielleicht denkt ihr, der legere Style passt besser zu seinen Schultern langen Haaren?
00:04:51: Man sollte doch meinen, dass unser Millionenerbe das nötige Kleingeld für Klamotten hätte, die nicht so spannend oder Habpflegeprodukte.
00:05:01: Also ich glaube nicht, dass es am Geld liegt.
00:05:03: Hast du seine unreine Haut gesehen?
00:05:07: Scheint wohl nicht so gut gelaufen zu sein in der Schweiz.
00:05:10: Da scheinen weder das Fräulein verlobte, noch das Papierlein glücklich zu sein.
00:05:14: Sieht so aus.
00:05:15: War seine Verlobte nicht so eine gestellste Kuh?
00:05:18: Du weißt schon, so einer, die sich in der Fuge verstecken und aus der Dachrinne saufen kann.
00:05:22: So eine hofgetagelte Schnäpfe, die noch nie einen Strich gearbeitet hat, aber bei Germany's Next Top Model mindestens ins Halbfinale kommen würde.
00:05:30: Also ich kann mir nicht vorstellen, dass es ihr gefällt, wenn sich ihr Verlobter so gehen lässt.
00:05:36: Na, ich glaube, da ist mehr im Agen.
00:05:39: Als er vor ein paar Monaten in die Schweiz gefahren ist, wirkt er ja auch schon angeschlagen.
00:05:43: Ich
00:05:44: bitte dich.
00:05:45: Der Mann ist aufgegangen, wie ein Hefe-Kloß.
00:05:48: Und er sieht nicht so aus, als hätte er in den letzten Tagen eine Dusche von innen gesehen.
00:05:53: Und lass uns nicht darüber reden, dass er sich um halb elf vormittags eine Flasche Wodka bestellt.
00:05:59: Der Wodka!
00:06:00: Ich bringe ihm den gleich.
00:06:01: Halt du hier mal die Stellung.
00:06:03: Okay, aber beeil dich bitte.
00:06:05: Ich will gleich nach oben und seine Suite checken.
00:06:08: Kurz nach dem Tinas Kollegen die Rezeption verlassen und sich mit einem Tablett bestückt in Richtung Terrasse aufmachte, öffnete sich erneut die Eingangstür.
00:06:17: Daphne, kommst
00:06:18: du her!
00:06:19: Bleib!
00:06:20: Daphne, Platz!
00:06:22: Äh, junge Dame?
00:06:24: Entschuldigung.
00:06:25: Daphne, hierher!
00:06:26: Tut mir so leid.
00:06:28: Sie ist einfach reingelaufen.
00:06:30: Gerade als Tina die Teenagerin darauf hinweisen wollte, dass keine Hunde im Hotel gestattet seien, bemerkte sie zum einen, dass es sich um das Mädchen handelte, dass ihn vor ein paar Monaten fast fürs Auto gerannt war und zum anderen, dass ihr Gesicht verheuelt aussah.
00:06:46: Ach, kein Problem.
00:06:48: Kann nochmal passieren.
00:06:49: Tut mir wirklich leid.
00:06:51: Daphne, los, komm her.
00:06:53: Brav.
00:06:54: Gut so.
00:06:55: Wir, wir sind schon wieder weg.
00:06:58: Entschuldigen Sie bitte.
00:07:01: Ich möchte nicht aufdringlich sein, aber ist alles in Ordnung bei dir?
00:07:07: Ja,
00:07:10: alles gut.
00:07:11: Danke.
00:07:11: Komm Daphne, wir gehen.
00:07:13: Deine Daphne sieht ziemlich dostig aus.
00:07:16: Ich fülle kurz eine Schale mit Wasser.
00:07:17: Die kann sie dann draußen trinken, okay?
00:07:20: Danke, das ist nett.
00:07:26: Na dann kommt mal ihr zwei Hübschen.
00:07:28: Die Rezeption.
00:07:29: im Blickhaltend ging Tina mit Kinger und Daphne nach draußen.
00:07:34: So, und jetzt zu dir, kleines.
00:07:37: Wie heißt du denn, wenn ich fragen darf?
00:07:39: Mein Name ist Tina.
00:07:41: Kinga.
00:07:42: Schön, dich kennenzulernen.
00:07:44: Oder wohl eher wiederzusehen.
00:07:46: Ich glaube, vor ein paar Monaten haben meine Kolleginnen und ich dich fast angefahren, oder?
00:07:51: Kann sein.
00:07:53: Das ist mir leider schon öfter passiert.
00:07:56: Oh, tut mir leid.
00:07:58: Schon okay.
00:07:59: Sag mal, wohnst du hier in der Gegend?
00:08:01: Oder was machst du hier draußen im Grunewald?
00:08:04: Ich wohne mehr oder weniger in der Nähe, also es ist schon noch eine Viertelstunde oder so von hier.
00:08:12: Daphne und ich gehen hier spazieren und...
00:08:15: Und?
00:08:17: Ich bastele so Zeug, also mit Holz, Steinen und so.
00:08:23: Klingt interessant.
00:08:25: Da bietet sich ein Wald doppelt an, oder?
00:08:30: Kinger nestelt an ihrem Ärmel und blickt es starr zu Daphne, die sich noch immer das kühle Nass schmecken ließ.
00:08:36: Tina war nicht entgangen, dass bei jedem Vibrieren Kinga zu Zittern begann.
00:08:41: Wir müssen dann jetzt auch los.
00:08:44: Ich muss nach Hause.
00:08:45: Okay.
00:08:47: Willst du da nicht rangehen?
00:08:49: Kinga hielt den Blick weiter gesenkt und schüttelte den Kopf.
00:08:54: Könnte wichtig sein, oder?
00:08:56: Sind das deine Eltern?
00:08:58: Erneut schüttelte die Teenager an den Kopf, den Blick starb auf den Boden gerichtet.
00:09:03: Noch mal Danke.
00:09:05: Das war sehr nett von ihnen.
00:09:07: Kein Problem.
00:09:08: Ist doch das Mindeste, nachdem wir dich fast überfahren haben, oder?
00:09:12: Wenn du möchtest, kannst du gerne wieder vorbeischauen.
00:09:17: Kinger nickte langsam und suchte, während sie Daphne auf den Arm nahm, verstohlen nach Tina's Blick.
00:09:23: Klar, danke.
00:09:25: Schönen Tag Ihnen noch.
00:09:27: Euch beiden auch.
00:09:30: Kinger beobachtete Tina, wie sie zurück ins Hotel ging.
00:09:33: Mit sich ringend nahm sie ihr Handy zur Hand.
00:09:36: Dutzende hämmische Nachrichten waren wieder darauf eingegangen.
00:09:39: Doch neben den Beschimpfungen und Niederträchtigkeiten war auch ein Bild dabei, das sie eben von ihren Mitschülerinnen erhalten hatte.
00:09:46: Dort sah sie einen geborstenen und mit Edding beschmierten Wurzelstock, der auf dem Boden des ihr so vertrauten Kunstraumes lag.
00:09:54: Auch in dieser Nacht würde sie sich wieder bitterlich in den Schlaf weinen.
00:10:01: Während Tina zurück zur Rezeption lief, dachte sie darüber nach, ob sie je einen ähnlichen Gesichtsausdruck auf den Gesichtern ihrer Kinder gesehen hatte.
00:10:10: und nahm sich vor, in Zukunft ein Auge auf die kleine Handwerkerin zu haben.
00:10:15: Noch ihren Gedanken nachhängen, sah sie wie Claudia um die Ecke kam.
00:10:19: Wir hatten mit allem Recht.
00:10:22: Was?
00:10:23: Entschuldige, mit was hatten wir Recht?
00:10:26: Unsere Millionärsbürschchen sind die Klamotten zu klein geworden und es hat nichts mit dem Geld zu tun.
00:10:34: Claudia hielt mehrere Geldscheine in die Höhe.
00:10:37: Was soll das denn?
00:10:39: Hat er verlangt, dass du ihm neue kaufst?
00:10:41: Entschuldige, aber das ist ja wohl wirklich nicht deine Aufgabe.
00:10:45: Quatsch!
00:10:47: Aber als ich zu ihm raus ging, fiel mir auf, dass er den Knopf von seiner Jeans geöffnet hatte.
00:10:52: Ist wohl mittlerweile bequemer bei den zusätzlichen Föhnchen?
00:10:56: Nein, er hat ganz höflich gefragt, ob wir ihm nicht eine Pizza bestellen könnten.
00:11:01: Und wer vom Personal was möchte, könnte sich gerne anschließen.
00:11:04: Ist ihm sogar mehrere hunderte wert.
00:11:07: Ernsthaft?
00:11:09: Naja, ich würde mal behaupten, von einer Salatbar bekommt man weder so eine Wampe noch so einen Hintern, der so dick ist, dass er nicht mehr in die Designerhose passt.
00:11:18: Aber mir soll es recht sein.
00:11:21: Hey,
00:11:22: wenn wir um vier Schluss haben, könnten wir uns doch mit zwei Pizzen bei dir aufs Zimmer verziehen, oder?
00:11:27: Zimmerparty?
00:11:29: Mein Mann ist heute eh unterwegs, also was meinst du?
00:11:32: Es scheint ihm wirklich nicht gut zu gehen, oder?
00:11:35: Ja, sieht so aus.
00:11:37: Was ich auch zugeben muss... So höflich habe ich ihn noch nie erlebt.
00:11:42: Ja, allerdings könnte das auch der Alkohol sein.
00:11:45: Bevor ich gegangen bin, hatte er sich schon zweimal nachgeschenkt.
00:11:50: Denkst du, wir sollten...
00:11:51: Oh nein!
00:11:53: Ich werde mich garantiert nicht in das Leben von diesem reichen Spinner einmischen.
00:11:57: Ich habe meine eigenen Probleme.
00:11:59: Und du hast deine.
00:12:01: Ja,
00:12:02: stimmt schon, aber... Nix
00:12:03: aber!
00:12:05: Also, was meinst du?
00:12:07: Nach Feierabend?
00:12:08: Du?
00:12:09: Ich?
00:12:10: Ja, können wir gerne machen.
00:12:12: Der restliche Nachmittag verlief ohne besondere Vorkommnisse.
00:12:15: Gäste und Reisegruppen checkten aus, während die Koffer der Neu-Anreisenden untergestellt wurden, bis die jeweiligen Zimmer fertig waren.
00:12:23: Tina und ihre Kollegen Claudia verrichteten, routiniert ihre Arbeit und warteten darauf, dass das Housekeeping die restlichen Zimmer wieder freigab.
00:12:32: Weißt du, worauf ich mich freue?
00:12:34: Na, ich hoffe doch auf das kleine Sektchen, dass wir uns gleich zu unseren Pizzen genehmigen werden.
00:12:39: Nein.
00:12:40: Wie?
00:12:41: Kein
00:12:41: Sekt auf der Zimmerpartie?
00:12:43: Doch, natürlich.
00:12:45: Das meinte ich auch nicht.
00:12:46: Das will ich auch wohl meinen.
00:12:48: Ich muss das doch ausnutzen, dass mein Mann nicht da ist.
00:12:51: Ich freue mich darauf, heute Abend wieder eine Runde im Pool zu drehen.
00:12:55: Das ist mittlerweile sogar zu einer Gewohnheit geworden.
00:12:58: Entweder morgens, bevor irgendjemand da ist oder eben ganz spät.
00:13:02: Ja, so findet man sich an neuen Typen.
00:13:06: Auch wenn du dir das nicht vorstellen kannst, es liegt nicht wirklich in meinem Interesse jemanden kennenzulernen.
00:13:11: Schon klar.
00:13:12: Entschuldige, bitte.
00:13:13: Das war wirklich unpassend.
00:13:17: Ich hatte das auch nicht so gemeint.
00:13:19: Mhm.
00:13:20: Hast du... eigentlich noch mal was von deinem Ex gehört?
00:13:24: Kein Wort.
00:13:25: Aber mit deinem Kindern-Telefonier ist du schon regelmäßig, oder?
00:13:28: Ja, mindestens einmal die Woche.
00:13:30: Das ist schön.
00:13:32: Die fragen sich, wie lange ich hier noch unterkomme.
00:13:34: Geht ja auch nicht für ewig.
00:13:36: Ein paar Wochen hast du schon noch.
00:13:38: Und zur Not verlängere ich deine Aufenthalte einfach.
00:13:41: Mitarbeiterrate sei Dank, ist das ja auch noch ziemlich günstig.
00:13:45: Ich denke, bis zum Ende des Jahres brauchst du dir da keine Sorgen
00:13:48: machen.
00:13:49: Dafür ist sie aber eigentlich nicht gedacht.
00:13:52: Das Ganze geht nur gut, solange es niemand von oben auffällt.
00:13:56: Und jetzt, woher Heinemann... Der
00:13:57: soll sich lieber um seinen eigenen Dreck kümmern.
00:13:59: Und wenn irgendwer vom Team seinen Maul aufmacht, dann stampfe ich ihn ein.
00:14:04: Die ist schon klar, dass der Balkon meines Zimmers direkt neben der Dachterrasse von Herrn Heinemann liegt.
00:14:10: Und?
00:14:11: Und?
00:14:12: Wenn er mitkriegt,
00:14:13: dass ich... Dann bekommt es das Millionärsböchchen mit mir zu tun.
00:14:18: Du bleibst hier, solange es nötig ist.
00:14:20: Klar?
00:14:21: Du bist wirklich ein Goldstück.
00:14:23: Danke.
00:14:24: Wirklich danke.
00:14:26: Für alles, was du für mich in letzter Zeit getan hast.
00:14:29: Du bist wirklich meine beste Frau.
00:14:31: Hör
00:14:33: auf.
00:14:35: Damit kann ich nicht umgehen.
00:14:38: Sonst mag ich selber noch anzuhälen.
00:14:41: Deshalb stimmt es trotzdem.
00:14:43: Ich weiß nicht, was ich ohne dich tun würde.
00:14:47: Die Tür zur Hotel Lobby hatte sich geöffnet und Wolfi späte vorsichtig hinein.
00:14:52: Der mittlerweile sehr heruntergekommenen Entertainer hatte eigentlich versuchen wollen, sich wieder durch den Lieferanteneingang Einlass zu verschaffen.
00:15:00: Doch leider hatte er diesen Verschlossen vorgefunden.
00:15:04: Zögern und um jeden Schritt bedacht, versucht er so unauffällig wie möglich zu den Aufzügen zu gelangen.
00:15:10: Ja, das ruhig, Wolfi.
00:15:12: Ja,
00:15:13: das ruhig.
00:15:16: Du musst nur um die Ecke
00:15:17: schaffen.
00:15:18: Dann hast
00:15:19: du's.
00:15:21: Keiner wird dich sehen.
00:15:23: Du musst
00:15:24: nur
00:15:25: um die Ecke.
00:15:26: Und dann bist du auch schon beim Aufzug.
00:15:31: Davon unabhängig, dass im Moment wenig Betrieb in der Lobby herrschte, stark Wolfi allein wegen seinem mittlerweile verschmutzten, man könnte sogar sagen verwahrlosen Äußeren, deutlich hervor.
00:15:43: Sein größeres Pech jedoch war, dass die beiden Rezeptionistinnen bereits auf ihn warteten.
00:15:49: Schau mal, wer da gerade zur Tür reinkommt.
00:15:52: Aber guck nicht so auffällig, nicht dass er gleich wieder abhaut.
00:15:55: Ach, wen haben wir denn da?
00:15:58: Der alte Zechpreller versucht sich wieder reinzuschmuggeln.
00:16:03: Wie hoch ist denn seine Rechnung mittlerweile?
00:16:05: Das Zimmer wurde seit vier Wochen nicht bezahlt.
00:16:09: Aber keine Angst, ich habe seine Zimmerkarte deaktiviert.
00:16:13: Der kommt nicht mehr rein.
00:16:14: Aber auf der Rechnung bleiben wir trotzdem sitzen, wenn wir nicht endlich was unternehmen.
00:16:18: Also ich kann mir nicht vorstellen, dass er die bezahlen kann.
00:16:21: Noch ein Grund mehr das Ganze jetzt zu beenden.
00:16:24: Herr Goss?
00:16:25: Hallo Herr Goss!
00:16:26: Kommen Sie doch bitte einmal zur Rezeption.
00:16:29: Scheiße.
00:16:31: War ja klar.
00:16:32: Nach einer Schrecksekunde war Wolfi herumgefahren und hatte zum Sprint in Richtung Ausgang angesetzt.
00:16:38: Die beiden Frauen konnten dem aufgebrachten Mann nur noch hinterherschauen, als dieser Quer über die Hotelanlage in Richtung Wald verschwand.
00:16:47: Ganz toll.
00:16:48: Guckt mich nicht so an.
00:16:49: Wie lange wollen wir das denn auch mitmachen?
00:16:52: Ich rufe jetzt das Housekeeping an und lasse das Zimmer reinigen.
00:16:55: Das wird bestimmt mehr als nötig sein.
00:16:58: Und seine Sachen lasse ich ins Backoffice bringen.
00:17:00: Ich habe langsam die fachsten Dicke mit diesem aufgedunsenen, versoffenen...
00:17:05: Schönen guten Tag, der Herr.
00:17:07: Wie kann ich Ihnen helfen?
00:17:08: Ja, also... Ich mache mir jetzt nicht schon wieder Beschwerden, aber... Ist das eigentlich normal bei euch?
00:17:15: Also, je zweier bin ich mit meiner Frau und die Kinder doppelt?
00:17:19: Oh, weshalb möchten Sie sich denn beschweren?
00:17:21: Ist etwas nicht in Ordnung mit Ihrem Zimmer oder etwas anderem?
00:17:24: Dieses Morgen ja, jedes Mal, wenn ich da bin, stülpert oder flackt, eigens ab, suche ich bei euch umeinander.
00:17:33: Wie bitte?
00:17:34: Ja,
00:17:34: also
00:17:35: vor ein paar Monaten im
00:17:37: Spar,
00:17:38: die alte Depp
00:17:39: und jetzt die...
00:17:40: Entschuldigen Sie, worum genau geht es denn?
00:17:43: Die komische Blade mit einer Sonnenbrünn auf der Trassen.
00:17:48: Ich meine, ich verstehe das ja, dass man sich so ein bisschen locker machen will.
00:17:52: Aber seit dem Vormittag sauft der Flaschel weiß sein Schnaps.
00:17:56: Du warst ja am Ahrkohl.
00:17:58: Aber jetzt schläft er bestimmt seit eineinhalb Stunden, schnacht wie ein Seegwerk.
00:18:03: Kaum Mensch hat er freut in eurem Schwimmengpul.
00:18:06: Und jetzt hat's ja Mannhof aus seinem Stuhl abgewacht.
00:18:09: Herr Heinemann!
00:18:10: Wie ist mir eigentlich Durst, wer der heißt?
00:18:13: Aber er ist jetzt vom Stuhl direkt auf die Pummuckel-Luftmatratzen von meiner Tochter gerutscht und schläft jetzt da sein Zuri aus.
00:18:20: Da meine ich ganz ehrlich, das Kodor jetzt auch nicht sein.
00:18:22: Da haben sie selbstverständlich recht.
00:18:25: Ich malen, versteh'n aus mir schon.
00:18:27: Ich versteh' das ja, wildes Berlin und so, aber es wird dir nicht lieber in das Cat-Cat oder wer das heißt, geh und nicht da bei
00:18:37: euch.
00:18:38: Cat-Cat?
00:18:40: Sie scheinen sich aus zu kennen.
00:18:41: Nein,
00:18:43: das ist mir das letzte Mal.
00:18:44: Mit den Feuerwehrlern.
00:18:46: Brutal zu gehen.
00:18:48: Also, ich meine, direkt weitfremd bin ich jetzt auch nicht.
00:18:54: Vielen Dank für den Hinweis.
00:18:55: Wie kümmern wir uns sofort darum?
00:18:57: Aha.
00:18:59: Und jetzt?
00:19:01: Also, ich meine, beim letzten Mal mit den Mäuden habe ich also... Also, ich hab was gesagt, da haben wir gleich.
00:19:13: Aha, vielen lieben Dank für Ihren Hinweis.
00:19:15: Wir kümmern uns umgehend um die Situation.
00:19:18: Kommen Sie und Ihre Familie doch heute in unser Restaurant.
00:19:21: Sie sind selbstverständlich eingeladen.
00:19:24: Ah, siehst du das?
00:19:26: Ja, dann sag ich, ob ich es sehe.
00:19:28: Das sind wir nun mal, ist die zwei in der Nacht.
00:19:30: Wir sind gefreut und schürich.
00:19:31: Also dann, Servus.
00:19:36: Das musste jetzt natürlich noch passieren.
00:19:39: Kurz vor Feierabend.
00:19:41: Das ist so klar.
00:19:42: Gerade wollte ich unsere Pizzen bestellen.
00:19:45: Ja, jetzt bleibt mal ruhig.
00:19:46: Halt du hier bitte kurz die Stellung und ich kümmere mich um Herrn Heinemann.
00:19:52: Ich würde dann schon mal bestellen.
00:19:54: Willst du wieder
00:19:54: eine Funke?
00:19:55: Äh, ja klar.
00:19:57: Warum nicht?
00:19:58: Mach du bitte die Übergabe mit der nächsten Schicht
00:20:00: und in zwanzig Minuten treffen wir uns bei mir im Zimmer.
00:20:04: Wie besprochen, trafen sich die beiden Freundinnen zwanzig Minuten später vor Tinas Zimmer.
00:20:09: Die Pizzen sollten in weiteren fünfzehn geliefert werden und nach deren Verzehr saßen die beiden zusammen auf dem Sofa, tranken ein Glas Sekt und blickten in Richtung Balkon aus dem Fenster und unterhielten sich.
00:20:22: Er wollte nicht auf seine Suite kommen und egal, was sich zu Herrn Heinemann sagte, er bestand darauf, dass er nach seinem, sagen wir, kleinen, klappauterhaften Powernap nur ein Kaffee bräuchte.
00:20:35: Was hier heute schon wieder los ist.
00:20:37: Ich sage dir ein Buch.
00:20:39: Wir schreiben ein Buch.
00:20:41: Der wird ein Bestseller und davon kaufen wir dann unser eigenes Hotel.
00:20:45: Ja, bestimmt.
00:20:47: Und was sagst du jetzt, war mit dieser Klein und ihrem Hund?
00:20:52: Sie wirkte sehr aufgebracht.
00:20:54: Irgendetwas stimmt nicht.
00:20:57: Ich dachte, ich behalte sie mal lieber im Auge.
00:21:00: Ihr Blick hat mir gar nicht gefallen.
00:21:02: Und Herr Heinemann... Schatz,
00:21:04: das ist nicht dein Bier.
00:21:07: Du solltest dich um dich kümmern und nicht immer um alle anderen.
00:21:11: Ja, schon,
00:21:13: aber... Nein!
00:21:15: Du hast dich vor einem halben Jahr getrennt.
00:21:18: Du hast in der Studenten-WG deiner Tochter gelebt, damit du nicht zu viel von deinem Geld für Mieter ausgibst, um deinen erwachsenen Kindern ihr Leben zu finanzieren.
00:21:28: Warum nervt dich das so?
00:21:30: Es ist doch vollkommen normal, dass ich möchte, dass es meinen Kindern gut geht, oder?
00:21:35: Was bitte ist falsch daran, dass ich meinen Kindern wünsche, dass sie nicht mit einem Riesenberg Schulden von ihren Studienkrediten herumlaufen und nicht das Leben führen können.
00:21:43: Weil du jetzt dran bist, weil du dein Leben so führen solltest, dass es für dich angenehm ist und so ist, wie du es führen möchtest.
00:21:53: Ist ja gut jetzt.
00:21:54: Wenn deine Kinder nur einen Funken von dir in sich tragen, werden sie mit allem fertig werden.
00:22:02: Außer vielleicht, sich mal um sich selbst zu kümmern.
00:22:06: Ich weiß, dass du schon immer so warst.
00:22:09: Aber du solltest dir langsam im Klaren darüber sein, dass nicht jeder von dir Hilfe bekommen muss.
00:22:14: Du bist nicht für alles zuständig.
00:22:17: Ja, das weiß
00:22:19: ich.
00:22:19: Nein, dann scheint weißt du das nicht.
00:22:22: Aber keine Angst.
00:22:23: Ich bin ja da, um dich jederzeit daran zu erinnern.
00:22:28: Das ist deine Aufgabe?
00:22:29: Scheinbar.
00:22:30: Weißt du, wir haben weder Kinder noch ein Haustier.
00:22:34: Also muss ich mich neben meinem Alten um nichts anderes kümmern.
00:22:39: Also ja, ich denke irgendwie schon.
00:22:43: In diesem Sinne.
00:22:45: Stößchen.
00:22:46: Was hab ich doch für ein Glück.
00:22:49: Was war das denn?
00:22:51: Keine Ahnung.
00:22:53: Das stimmt etwas nicht.
00:22:54: Wähl den Notruf und wenn ich die Bescheid sage ruf sofort an.
00:22:59: Sich verunsichert anschauen, verließen die beiden Teeners Zipper.
00:23:03: Auf dem Hotelflur wurde das Geschrei zwar lauter, aber ebenso wurde ihnen klar, dass es sich um ein anderes Stockwerk handeln musste.
00:23:11: Mit dem Handy im Anschlag und der vorgewählten one-one-zero begaben sie sich ins Treppenhaus.
00:23:17: Das muss das Stockwerk sein.
00:23:18: Doch gerade, als sie die Tür zu dieser Etage öffnen wollte, flog diese auf und traf Claudia direkt an der Stirn, worauf diese zu Boden ging.
00:23:28: Wolfi hatte den Aufprall nicht einmal realisiert und sprintete eine Zimmerkarte in der Hand haltend, die Stufen hinunter.
00:23:38: Tina sprintete dem alten Mann ohne zu zögern hinterher.
00:23:44: Für einen Moment hatte es so ausgesehen, als würde Wolfi die Flucht tatsächlich gelingen.
00:23:48: Doch gerade, als er die letzte Tür zur Lobby geöffnet hatte und hindurch hechtete, war er gegen Sascha Heinemann geprelt, der gerade in Richtung des Aufzugs unterwegs war.
00:23:58: Nun lagen die beiden Männer am Boden.
00:23:59: Der Generalsschüssel neben ihnen.
00:24:01: Bevor die Tür wieder zu schwang, erreichten Tina und die Dame vom Housekeeping das am Boden liegende Paar.
00:24:07: Was
00:24:07: zur Helle ist denn hier los?
00:24:10: Halten Sie ihn auf!
00:24:11: Er hat Mirian
00:24:12: vom Housekeeping angegriffen und ihren Generalschlüssel gestohlen.
00:24:15: Was?
00:24:16: Wir hatten seinen Schlüssel gesperrt wegen.
00:24:18: Tina verstummte, als sie die Veränderung in Sascha's Gesicht wahrnahm.
00:24:23: Es schien sich, Blutrot zu färben.
00:24:25: Und statt es zuvor verdatterten, hatte sich ein Gesichtsausdruck darauf gebildet, den man schlicht als Zorn lesen musste.
00:24:33: Binnen eines Sekunden Bruchteils war der Hotellerbe auf den Beinen.
00:24:38: Packte Wolfi am Kragen, hob ihn scheinbar mühelos in die Höhe und warf ihn gegen die metallene Tür des Aufzugs.
00:24:46: Doch bevor der bereits angeschlagene Wulfi wieder zu Boden absacken konnte, packte Sascha ihnen an der Gurgel.
00:24:54: Du hast hier nichts verloren,
00:25:16: du
00:25:16: Drogen verseuchtes
00:25:18: Onnetzisch!
00:25:19: Dinkness!
00:25:20: Nichts!
00:25:21: Noch in Schockstarre verfallen, Santina und ihre Kollegen, wie Sascha den zutiefst verängstigten alten Mann an der Gurge gepackt hatte, vor sich her schob und scheinbar mit sich kämpfte, nicht mit der anderen Hand auf ihn einzuschlagen.
00:25:36: So trieb er ihn quer durch die Lobby bis zum Ausgang.
00:25:39: Soll ich nicht lieber die Polizei rufen, Herr
00:25:41: Heinemann?
00:25:42: Dreckiges!
00:25:46: Herr Heinemann!
00:25:49: Sascha hatte den heruntergekommenen Entertainer mit aller Kraft erneut aufgehoben und durch die zum Glück sich selbst öffnende Tür geworfen.
00:25:58: Das knackengebrochene Knochen war beim Aufprall Wolfies deutlich vernehmbar.
00:26:02: Doch so schnell sich diese fast unwirkliche Situation aufgetan hatte, war sie auch schon wieder vorbei.
00:26:08: Claudia war ebenfalls die Treppen heruntergeeilt und hatte das Schauspiel fassungslos mit angesehen.
00:26:14: Doch Tina hatte, nachdem Wolfi wahrscheinlich voller Adrenalin und Angst direkt wieder aufgesprungen und die Flucht ergriffen hatte, den Blick wieder auf Sascha's Gesicht gerichtet.
00:26:25: Tina nahm Miriams und Claudias Gespräch über zustellende Anzeigen und zu erteilende Hausverbote nur noch im Hintergrund war.
00:26:33: Noch immer hatte sie Sascha's Gesicht vor Augen.
00:26:36: dass ich von einer Maske des blanken Zorns in ein antlitzvoller Schmerz verzog, selbst als er sich fahrig entschuldigend kehrt machte und die Treppe nach oben lief.
00:26:49: Der Abend war hereingebrochen und nach dem Nerven auf reibenden Tag hatte Tina sich auf ihr Zimmer zurückgezogen.
00:26:55: Nachdem sie bereits eine Weile auf dem Sofa gesessen und sich von dem verbliebenen Sekt eingegossen hatte, wollte sie das Zimmer lüften.
00:27:03: Vielleicht konnte sie so nicht nur die abgestandene Luft, sondern auch ihre Gedanken los werden.
00:27:11: So trat sie auf den Balkon heraus, nur um einen Augenblick später zurückzufahren.
00:27:27: Sie hätte natürlich daran denken sollen, dass Herr Heinemann sich ebenfalls auf seine Suite zurückgezogen haben musste.
00:27:33: Das würde zu diesem Tag noch passen.
00:27:36: Sich jetzt noch erwischen lassen und selbst aus dem Hotel fliegen.
00:27:44: Doch als sie durch den Vorhang späte, sah sie ihn.
00:27:48: Sascha.
00:27:49: Von den Millionenerben, den sie in den letzten Jahren zu Gesicht bekommen hatte, war nun keine Spur mehr geblieben.
00:27:55: Langsam trat sie auf den Balkon heraus.
00:27:58: Bitterlich, weinend, in sich zusammengesagt, sah sie den Jungen, den sie bereits als Praktikant gekannt hatte.
00:28:05: Der Junge, der so unter dem Vater und dem Tod seiner Mutter gelitten hatte.
00:28:10: Kurz fiel ihr Claudia ein und was es bedeuten konnte, wenn sie sich jetzt bemerkbar machen würde.
00:28:16: Aber auch wenn ihre Freundin in bestimmten vielen Punkten recht hatte, dieser, und das sagte ihr ihr Herz, gehörte nicht dazu.
00:28:25: Herr...
00:28:26: Herr Heinemann?
00:28:27: Erschien Sie wahrgenommen zu haben, doch schien er nicht in der Lage zu sein, seinem Kummer Einhalt zu gebieten.
00:28:33: Herr Heinemann?
00:28:35: Ist... ist alles in Ordnung mit Ihnen?
00:28:41: Herr Heinemann, Sie haben sich doch gar nicht so falsch verhalten.
00:28:46: Vielleicht etwas Dolle.
00:28:48: Der mittlerweile gestandene Mann, der eh jetzt vertraut davor kam, als in all den Jahren schien sein Schmerz nicht entgehen zu können.
00:28:56: Also versuchte sie es anders.
00:28:59: Hast du mittlerweile Monkey Island IV gespielt?
00:29:03: Noch immer mit fließenden Tränen, Hobsascher den Kopf und blickte unglaublich in Tinas
00:29:09: Richtung.
00:29:10: Ist ja schon eine Zeit her, aber... Als wir damals das Lager zusammen eingeräumt haben, hast du mir erzählt, dass sie deine Mutter das zu Weihnachten kaufen wollte und wie sehr du dich darauf freust.
00:29:21: Was?
00:29:23: Monkey Island.
00:29:24: Geil, Brust.
00:29:25: Threepwood?
00:29:26: Der Pirat?
00:29:28: Du kämpfst wie eine Kuh?
00:29:31: Meine Kinder hatten das später mal zu Hause, allerdings mehr als eine Art Klassiker.
00:29:37: Wie gesagt, ist ja schon eine Zeit her.
00:29:41: Es schien, als hätte Tina den Schrecken des jungen Mannes, der in ihren Augen jedoch gerade wie ein kleiner, trauriger und zutiefst verletzter Junge wirkte, zumindest ein wenig vertrieben.
00:29:51: Denn nach einem kurzen, glucksenden Geräusch schüttelte Sascha langsam den Kopf.
00:29:56: Nicht gespielt.
00:29:57: Schade.
00:29:58: Also meine Kinder waren begeistert.
00:30:02: Vielleicht solltest du es noch mal in Angriff nehmen.
00:30:04: Er blickte ihr Wiegeband in die Augen.
00:30:07: Und nach so vielen Jahren.
00:30:09: Schiener sie zum ersten Mal wirklich zu sehen.
00:30:12: Sie wirklich wahrzunehmen.
00:30:15: Darf ich dir ein Taschentuch anbieten?
00:30:17: Behände griff sie in ihre Tasche und brachte eine Packung hervor.
00:30:22: Vorsicht,
00:30:22: fang!
00:30:23: Der ebenso verdutzt wie verheulte Mann fegen die Packung ungelenk auf, nahm ein Taschentuch heraus und vergrub weiter schluchzend sein Gesichterin.
00:30:33: Sascha,
00:30:33: du hast doch nicht.
00:30:34: Ich
00:30:38: scherbe
00:30:40: mich so.
00:30:40: Na ja, auch wenn du mich gerade zackhaft...
00:30:48: Und plötzlich realisierte Tina welche düstere Gedanken durch seinen Kopf marschierten und alles in Schutt und Asche zurückließen.
00:30:56: Und zu wem er eigentlich diese kalten, gastigen Worte gesprochen hatte, als er dem alten Mann an die Gurgel gegangen war.
00:31:07: Ich hab mich so
00:31:09: schämpft
00:31:09: fallen.
00:31:11: Und in diesem Augenblick, den Unwissende als einen schwachen statt eines wahrhaftigen Angesehen hätten, sah Tina Saschas Innerstes.
00:31:21: Egal wie viel Zeit vergangen, welche Länder er bereist, welche Höhenflüge oder welche Laster er gefreund hatte, vor ihr saß eine arme, geschundene Person, die zur Trinkendrote in eine Meer aus Angst, Einsamkeit und Zugehörigkeit und fehlender Liebe, mit Ketten aus aufgezwungenem Verhalten, dem Wunsch zu funktionieren und doch mit ständiger Kritik verkeilt, kauernd auf einem kleinen Felsblock, umringt von alten Monstern, die sich laben an der mangelnden Selbstliebe und dem Wunsch zu wissen, wer man ist und dem Zweifel, ob dies genug sein würde.
00:32:06: Sascha, darf ich, darf ich zu dir kommen?
00:32:21: Die fünfte Tasse dampfenden Tee in den Händen halten, ließ Tina erneut kritisch ihren Blick schweifen.
00:32:28: Natürlich, die Dachterrasse hatte etwas für sich.
00:32:32: Doch davon abgesehen, stellte sie wieder einmal fest, dass ihr die Suite nicht gefiel.
00:32:37: Die überdimensionale Bar, die ganze Einrichtung, wuchte einfach nur protzig, statt gemütlich oder einladend.
00:32:46: Sie gefällt dir nicht, oder?
00:32:48: Ehrlich gesagt, nein.
00:32:50: Nicht wirklich.
00:32:52: Haben wohl intelligente Frauen gemeinsam.
00:32:55: Also war Katharina auch nicht beeindruckt?
00:32:58: Nein.
00:33:00: Nichts von all dem hatte sie beeindruckt.
00:33:02: Du
00:33:03: hast recht.
00:33:04: Kluge Frau.
00:33:10: Es war bereits nach Mitternacht.
00:33:11: In den vergangenen Stunden hatten sie geredet und Tee getrunken.
00:33:15: Nachdem Tina Sascha einen Bademantel um die Schultern gelegt und seine Tränen getrocknet hatte, waren sie nach drinnen gegangen.
00:33:22: Er hatte ihr von seiner alten Schulfreundin erzählt.
00:33:25: die nicht einen Moment auf seine Fassade hereingefallen war, was sie gesagt oder besser, was er nicht ungesagt machen konnte, wie er zunächst geglaubt hatte, dass sie sein fast perfektes Leben und ihn zertreten und für ihn nicht wieder herstellbar zurückgelassen hatte.
00:33:43: Sie erzählte von ihrer Familie, dem Café, ihrer Verantwortung und ihrem eigenen Unvermögen.
00:33:50: Nach stundenlangem Austausch schienen sie die besprochenen Schachfiguren ihrer Sorgen, Nöte und Wünsche nach und nach vom jeweiligen Spielfeld zu nehmen.
00:34:00: Nicht geschlagen oder besiegt, sondern gemeinsam besprechend, anerkennt und behutsam.
00:34:06: Die Gemeinsamkeiten blieben auf der Spielfläche und wurden weiter diskutiert.
00:34:11: der äußere Druck des Funktionierens und wie die jeweiligen Rollen damit nicht von ihnen, sondern von anderen aufgeladen und so ihre eigene Spielstrategie aus dem Konzept gebracht hatten.
00:34:24: Das auch, wenn man sich in dem einen Moment so sicher sei, dass man nun endlich frei von den Schmerzen war, doch an jedem Tag das Spiel von Neuem beginnt und es sich dabei nicht um eine einmalige Lektion handelte.
00:34:38: Erkennen bedeutet nur den Druck zu realisieren, von dem man vorher nicht einmal wusste, dass er da ist.
00:34:45: Zu akzeptieren, dass er an manchen Tagen mal mehr und an anderen mal weniger auf einem lastete.
00:34:51: Und dass wir uns alle vor den Ketten und den altbekannten Monstern, die uns auf Felsblöcken niederringen und uns mehr ziehen wollen, fürchten.
00:34:59: Weshalb wir allerdings nie zu große Angst haben sollten, Hilfe anzunehmen.
00:35:04: Und dass es nichts Aufregenderes als das Leben geben könnte.
00:35:08: wo wir in dem einen Moment noch verzweifelnd am Boden liegen und im nächsten Moment mit dem Mut der Verzweiflung und vielleicht etwas Unterstützung zu gewaltigen Befreiungsschlägen fähig sind, die unsere eigenen Welten in den Grundfesten erschüttern können.
00:35:34: Wir hoffen, es hat gemundet und freuen uns, euch bald den vierten Gang zu servieren.
00:35:40: Auch bedanken wir uns bei unseren Gastköchen Bianca, Gina und Sven.
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